Der Tod

Ist der Tod eingetreten, werden dem Toten unter Gebet für seine gnädige Aufnahme im Jenseits die Augen und der Mund geschlossen. Die Totenklage wird angestimmt, jedoch verurteilen viele Theologen Zeichen übermäßiger Trauer wie das

Zerreißen der Kleider, das Schlagen an die Brust oder ins Gesicht, da dies als mangelnder Glaube ausgelegt wird.

Die Familie, zu der der Tote gehörte, ist nun für drei Tage ein Trauerhaus, eine Witwe darf vier Monate und zehn Tage um ihren Mann trauern.

Trauer ist im Islam erlaubt, soll aber nach Meinung der Theologen gefasst und beherrscht, nicht überlaut und hysterisch geäußert werden. Schwarz ist keine Trauerfarbe im Islam. Grundsätzlich gilt auch in dieser Verlustsituation dasselbe wie für andere einschneidende Ereignisse (wie z. B. eine Geburt), daß Nachbarn und Verwandte Hilfe und Beistand leisten und die Trauernden nicht alleine lassen, ja, für die erste Zeit ihre Versorgung übernehmen.

Der Tote wird nach aller Möglichkeit von Verwandten desselben Geschlechts gewaschen und parfümiert. Ehemänner können auch von ihren Frauen gewaschen werden, nicht alle Theologen erlauben es umgekehrt. Die Waschung zu unterlassen gilt als Sünde. Daher soll, wenn dieser Umstand bekannt wird, ein nichtgewaschener Leichnam, der bereits im Grab liegt, aber noch nicht mit Erde bedeckt ist, nochmals zur Waschung herausgenommen werden. Nur Märtyrer sollen ungewaschen in ihren Kleidern und ihrem Blut beigesetzt werden.

Für die Grablegung wird der Tote in vorzugsweise weiße, in Beschaffenheit und Größe und Anzahl genau festgelegte Leintücher eingehüllt, das sein Pilgergewand sein kann, sofern er die Wallfahrt nach Mekka durchgeführt hat. Diese speziellen Stoffe werden von Frauen jenseits der Wechseljahre hergestellt, so ist gewährleistet, dass sie sie nicht im Zustand der rituellen Unreinheit verarbeiteten.

Grundsätzlich soll ein Toter so rasch wie möglich für die Beerdigung vorbereitet und die Grablegung so bald wie möglich, am besten noch am selben Tag erfolgen. Durch die Berührung eines Toten sowie das Tragen der Totenbahre tritt eine rituelle Verunreinigung ein, die durch eine rituelle Waschung beseitigt werden muss, bevor der Betreffende wieder einen Koran berühren oder das Gebet verrichten kann.

Das Beerdigungsgebet wird beim Leichnam gesprochen, das die Bitte um Vergebung für den Toten einschließt, sowie die Bitte an den Toten, bei Gott Fürsprache für die Lebenden einzulegen. Die Angehörigen bzw. dem Toten Nahestehenden nehmen unter Anleitung eines Qadis oder Imams daran teil.

Die meisten Muslime in Deutschland lassen ihre verstorbenen Angehörigen nach wie vor in ihren Herkunftsländern bestatten. Doch immer mehr Friedhöfe in Deutschland richten eine Abteilung für Muslime ein. Tobias Mayer hat sich informiert.

Islamische Gräber auf dem Kölner Westfriedhof In Deutschland leben rund 3,2 Millionen Muslime. Entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung gibt es jährlich etwa 30.000 Todesfälle unter den muslimischen Mitbürgern. Nach wie vor werden die Leichname der meisten verstorbenen Muslime in ihre Herkunftsländer überführt.

Aber der Wunsch, sich in der Wahlheimat Deutschland beerdigen zu lassen, wächst stetig. Dem tragen viele Kommunen inzwischen Rechnung, indem sie auf den Friedhöfen islamische Gräberfelder einrichten.

Von Überführung Abstand genommen

Behiç Özsavas ist 75 Jahre alt und lebt seit fast 40 Jahren in Deutschland. Bis zu seinem Ruhestand arbeitete der einst als Gastarbeiter nach Deutschland gekommene Türke als Ingenieur bei Thyssen in der westdeutschen Industriestadt Duisburg.

Wegen der guten medizinischen Versorgung blieb Behiç Özsavas hier. Im vergangenen Jahr starb seine Frau Suna. Für den Todesfall hatte das Ehepaar finanziell vorgesorgt, aber eine Überführung in die Türkei wollten sie nicht:

“Zuerst hatte meine Frau die Absicht, sich in der Türkei bestatten lassen”, erzählt Behiç Özsavas. “Kurz vor ihrem Tod hat sie noch einmal den Ort besucht, wo ihr Vater und ihre Ahnen liegen. Aber als sie das gesehen hatte, wollte sie es nicht mehr. Die Gräber dort sind verwahrlost, keiner kümmert sich darum. Deshalb wollte sie sich dann doch lieber in Deutschland beerdigen lassen.”

Nach Makka ausgerichtet

Damit ist die Familie Özsavas immer noch eher die Ausnahme. Nur etwa jeder zehnte Muslim, der in Deutschland stirbt, wird auch hier beerdigt. Genaue Zahlen existieren nicht. Dabei haben inzwischen viele deutsche Großstädte eine muslimische Abteilung auf ihren Friedhöfen eingerichtet, so auch vor fünf Jahren die westdeutsche Stadt Bochum.

“Im Einvernehmen mit Vertretern des islamischen Glaubens habe ich damals das Gräberfeld nach Mekka ausrichten lassen”, berichtet Achim Schwarzenberg von der Friedhofsverwaltung, der die Anlage des Gräberfeldes überwacht hat. “Die Ausrichtungsrichtung beträgt 127 Grad und 56 Minuten. Ein Imam hat mir, bevor wir die erste Bestattung durchgeführt haben, dieses Gräberfeld auch so in seiner Ausrichtung abgenommen.”

Die Regeln für eine islamische Beerdigung auf dem Bochumer Friedhof wurden in enger Kooperation zwischen Stadt, Ausländerbeirat und dem örtlichen Imam festgelegt.

Es gebe in Bochum im Hauptfriedhof eine Möglichkeit, die rituellen Waschungen durchzuführen, so Schwarzenberg. “Dort steht ein separater Raum mit entsprechender Einrichtung zur Verfügung. Wir hier in Bochum haben 1999 dieses Gräberfeld eingerichtet und haben damals gesagt, dass die Bestattung auch – wie im Islam üblich – in Leichentüchern möglich ist. Der Transport des Leichnams bis zur Grabstelle allerdings muss – nach deutschem Recht – in einem geschlossenen Behältnis – sprich: in einem Sarg – durchgeführt werden.”

Angst vor der Einebnung

Die Ruhefrist des Grabes beträgt nach der Friedhofsordnung in der Regel 25 Jahre. Die mögliche Einebnung und Wiederbelegung einer Grabstelle ist es auch, die den meisten Muslimen Unbehagen bereitet.

Das islamische Recht schreibt eine ewige Ruhe des Leichnams zwar nicht ausdrücklich vor; viele Rechtsgutachten – Fatwas – haben sich mit dieser Sache beschäftigt. Trotzdem sieht Mustafa El-Founti, der in Essen ein islamisches Bestattungsinstitut betreibt, in der begrenzten Ruhefrist das Hauptproblem in Deutschland. Zumal offenbar unter älteren Muslimen auch falsche Gerüchte im Umlauf sind:

“Die Leute sagen: ‘Wir haben gehört, dass nach 20, 25 oder 30 Jahren Leichname herausgeholt wurden, die noch vollständig erhalten waren. Ich will nicht, dass das mit mir passiert. Deshalb’ – so sagen die Leute dann weiter – ‘will ich, dass meine Leiche in die Heimat überführt wird und dort begraben wird, wo sichergestellt ist, dass das Grab nie mehr angetastet wird.’”

Auf dem islamischen Gräberfeld in Bochum fällt auf, dass etwa die Hälfte aller Grabstellen Kindergräber sind. Diese Kinder waren fast ausnahmslos auch hier in Deutschland geboren, die Verbindung zur Heimat der Eltern ist daher nur schwach. Darüber hinaus scheint für Mustafa el-Founti das Problem der Ruhefrist hier nicht so entscheidend zu sein. Ein Kind sei nicht wie ein starker Mann.

In Deutschland gibt es bisher keinen eigenständigen islamischen Friedhof, der nicht kommunalen Einschränkungen unterliegt. Sonst würden wohl deutlich mehr Muslime nach ihrem Tod auch hier beerdigt werden.

Und der Duisburger Rentner Behiç Özsavas? Die Frage, wo er sich beerdigen lässt, beantwortet er ganz weltläufig:

“Ich habe lange darüber nachgedacht. Für mich ist der Boden überall gleich. Es gibt nur eine Erde. Wenn ich mal sterbe, egal wo, dann will ich auch genau an diesem Ort bestattet werden.”